Moin,
interessanter Artikel. So kann man es auch sehen. Schwierig darauf zu antworten, ohne dass es in einer politischen Diskussion endet, auf die ich keinen Bock habe und die hier, zurecht, auch nicht erwünscht ist.
Ich, der in Ecuador zu Hause ist, sehe und empfinde es anders.
Kurz zum Streik. Als nationaler Streik von der obersten indigenen Führung ausgerufen, beschränkten sich die Strassenblockaden auf zwei Landkreise. Otavalo und Cotacachi. Die Führer der Völker des Amazonas sagten schon zu Beginn, dies ist nicht unser Streik. Die Völker in den südlichen Anden machten auch nicht mit und die Transportwirtschaft und deren Gewerkschaften beteiligten sich ebenfalls nicht. Die Transportwirtschaft bekommt Ausgleichszahlungen für den nun teureren Diesel. Damit bleiben die Transportkosten stabil.
Es wurden täglich neue Forderungen von diversen indigenen Verbänden und Führern gestellt und die Regierung lehnte konsequent jeglichen Dialog ab und machte deutlich, politische Entscheidungen werden im Parlament, von der Regierung, dem Präsidenten getroffen und nicht auf der Straße. Somit verlief das Leben in Ecuador fast überall völlig normal, nur wir waren durch die Blockaden völlig abgeschnitten. In der vierten Streikwoche kippte dann auch die Stimmung bei der indigenen Stadtbevölkerung, da sie als Händler, Kaufleute, Produzenten und im Tourismussektor tätig die Zeche zahlten. Sie ließen sich nicht mehr unter Druck setzen und öffneten demonstrativ ihre Geschäfte. Parallel dazu wurden in Otavalo einige tausend Polizisten und Militärs zusammengezogen um die Straßenblockaden zu räumen.
Am Ende war nur noch ein harter Kern, ohne jegliche Unterstützung, streikbereit. Nach 31 Tagen verkündeten die indigenen Bauernverbände von Cotacachi und Otavalo das Ende des Streiks. Am nächsten Tag waren die Straßen geräumt, die Supermärkte und der Mercado wieder mit Waren bestückt. So als wäre nichts gewesen.
Was bleibt? 3 tote Demonstranten, viele verletzte Polizisten und Militärs, eine zerstörte Polizeiwache in Otavalo mit einigen verbrannten Eindatzfahrzeugen, zerstörte Infrastruktur, viele zerstörte oder beschädigte private Autos und LKWs. Und ein immenser wirtschaftlicher Schaden in der Provinz Imbabura.
Die im Artikel erwähnten regierungsseitigen Abschaltungen von Mobilfunk und Internet gab's weder in Cotacachi noch bei unseren Freunden in Otavalo.
Nun ist dem Präsidenten Noboa etwas gelungen, woran alle Vorgänger gescheitert sind. Selbst der ehemalige und damals sehr beliebte sozialistische Präsident Correa wollte die Treibstoff Subventionen kürzen oder streichen. Aus Angst vor massiven Widerstand nahm er dieses Projekt nicht in Angriff.
Gestern war, die mit Spannung erwartete Volksabstimmung. Alle von der Regierung vorgeschlagen Fragen wurden eindeutig abgelehnt.
a) Keine staatliche Parteifinanzierung mehr
b) Verringerung der Abgeordnetenzahl im Parlament
C) Zulassung von ausländischen Militärstützpunkten auf ecuadorianischen Staatsgebiet
d) Einberufung einer verfassungsgebenen Versammlung zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung
Dies war die erste schwere Wahlniederlage des jungen Präsidenten. Er besitzt zwar eine große Zustimmung bei seiner Politik der "harten Hand" gegen die organisierte Kriminalität und der Korruption. Da hat er die Bevölkerung hinter sich. Das Ergebnis der Abstimmung hat aber klargestellt, nur im Rahmen der jetzigen Verfassung und des bestehenden Staatswesens. So kann es gehen, wenn die Politik, trotz ausreichender Mehrheiten im Parlament, bei entscheidenen Fragen die Zustimmung des Volkes benötigt.
Damit ist auch, das im Artikel beschriebene Szenario, vom Tisch. Der Präsident muss sich neu erfinden. Er ist jung und hat noch 3 Jahre Zeit, eine klare politische Agenda, Visionen und vor allem, Lösungen zu präsentieren.
Polarisierende Reden, Tik Tok und viele Auslandsbesuche reichen nicht.
Alle politischen Beobachter sind sich heute einig in ihren Kommentaren. Noboa ist nicht Milei, Bukele oder Trump. Er ist weder konservativ noch liberal. Er geistert vage in einem politischen Niemandsland herum. Deshalb auch das klare NO bei der Abstimmung. Die Wähler wollen Klarheit, wollen wissen wohin die Reise geht.
Das kostenlose öffentliche Gesundheitswesen leidet unter Finanzmangel, die gesetzlich Renten und Krankenversicherung kämpft mit dem demografischen Wandel, die Zahl der Arbeitsplätze im formellen, vertraglichen Sektor stagniert, viele arbeiten im informellen Sektor. Das öffentliche Bildungssystem ist auch ein Dauerthema. Kein Wunder, dass viele Schüler auf Privatschulen gehen.
In diesem Jahr erzielt die ecuadorianische Exportwirtschaft, trotz stark einbrechender Einnahmen aus der Ölindustrie, neue Rekordergebnisse und es läuft alles auf ein Wirtschaftswachstum von 3,8% heraus. Da geht also was. Darauf lässt dich doch aufbauen.
sico hat geschrieben: ↑2025-11-16 10:46:40
Na ja,
über viele Jahre hat uns Enzo=Jens Ecuador als das gelobte Land beschrieben, während Deutschland in seiner Bürokratie erstickt.
Wenn ich allerdings den oben verlinkten Artikel so lese, dann sind für Ecuador die Zeiten des gelobten Landes momentan wohl zu Ende.
LG
Sico
Moin Sico, mit der Bibel und dem gelobten Land habe ich es nicht so. Das Paradies gibt es nicht. Ecuador ist für mich kein gelobten Land, sondern ein Land in dem ich mich wohlfühle. Tauschen möchte ich derzeit nicht. Wobei ich nicht weiß was morgen ist.
Mir ist durchaus bewusst, für viele Andere ist Ecuador nichts. Aber muss ja auch nicht.
Der Initiator hat geschrieben: ↑2025-11-16 11:09:42
Wobei das kein Widerspruch ist, das wird in jedem Land der Erde gehen. Er macht nicht den Eindruck, als würde er aus lauter Verzweiflung Märchen erzählen und ich habe den Artikel auch nicht verlinkt, um zu sagen "stimmt alles nicht".
Gut erfasst
Gruß Jens