Liebe Forumsmitglieder,
auch wenn so mancher gehofft hat, dass wir den Thread erst gar nicht weiter verfolgen oder gar das Notebook ueber Bord werfen, so haben wir interessiert die Beitraege (offline) gelesen.
Eigentlich war unser Beitrag gar nicht als Hilferuf geplant oder gedacht, tatsaechlich war er vielleicht doch einer, aber urspruenglich wollte ich damit ganz offen und ehrlich bekunden, dass unsere ehrgeizigen (od naiven) Plaene nicht alle aufgehen. Aber vielmehr wollte ich einen Denkanstoss und Chance an diejenigen geben, die evtl noch in einer frueheren Phase einer aehnlichen Reise sind. Dabei haben wir "nur" zwei Jahre mit Vorbereitungen verbracht und denken nun, wie es jenen ergehen koennte, die sich viele Jahre, ja Jahrzehnte auf eine Reise vorbereiten. Aber vielleicht liegt es auch an der Intensitaet der Vorbereitungszeit, die zur Gefahr werden kann.
Aber sicherlich kann man unsere Gefuehle und Erlebnisse nicht pauschalisieren. Jeder wird einen anderen Flash bekommen, wenn er auf eine solche Reise geht. Doch den Antworten nach, scheint es vielen von Euch Reisenden an irgend einem Punkt aehnlich ergangen zu sein.
Warum ich den Beitrag nicht als Hilferuf gedacht hatte, lag auch daran, das ich nicht damit gerechnet habe so viele, nette und hilfreiche Antworten zu bekommen! Vielmehr dachte ich (wie es auch von wenigen so rueber kam), dass ich mal lieber die Klappe halten soll, schliesslich haette ich das Privileg ein Jahr reisen zu "duerfen", was nicht vielen moeglich waere... etc.
Deshalb muss ich wirklich ganz deutlich sagen, dass wir beide voellig ueberrasch von der Anteilnahme sind und wir aus den vielen Beitraegen (auch den kritischen(!), aber nicht persoenlich angreifenden) einiges an Denkanstoessen mitgenommen haben.
Allerdings sind seit dem Eroeffnen des Threads und unserem Durchlesen einige Tage vergangen, in denen wir uns natuerlich schon unsere eigenen Gedanken gemacht haben. Deshalb ist es schoen nun noch einmal die Gedanken von Euch lesen zu koennen, die sich mit unserem weiteren Vorhaben oder Vorgehen in einigen Teilen decken.
Wie unsere weitere Reise wohl aussehen wir, verraten wir mal nicht - waere ja auch langweilig - zumal wir es ohnehin nicht ganz in der Hand haben. Wir versuchen mit unseren Reiseberichten ein wenig aufzuholen.
Im uebrigen finde ich es voellig legitim auf so einer Reise eine Krise zu haben - auch wenn die Gruende dafuer fuer manche banal und laecherlich erscheinen. Das kann jeder selbst beurteilen - ich wuerde mir auch nach der Reise niemals anmassen bei jemand anderen, der ebenfalls eine Reisekrise erfaehrt, zu urteilen ob die Gruende dafuer gerechtfertigt sind, denn die liegen im persoenlichen des Einzelnen und dies ist schon Grund genug um es zu repektieren.
Darueber nicht zu berichten, weil es "den Glanz einer Reise" ruinieren koennte, waere Betrug an sich selbst. Das habe ich nicht noetig - wenn ich mir schon vorgenommen habe, hautnah von den Erlebnissen zu berichten, dann auch moelichst authentisch und ehrlich.
Ob uns dabei Sponsoringvertraege im Nacken liegen, die uns zu einer Schoenmalerei noetigen, geht eigentlich in der Tat niemand etwas an. Da mich jedoch viels mit dem Forum und Euch verbindet, moechte ich auch diese Frage nicht offen lassen: Wir haben lediglich mit Goodyear einen Vertrag, der allerdings mehr als fair ist und uns keineswegs knebelt. Egal wo und wann wir die Reise abbrechen wuerden, wuerde uns daraus kein Nachteil oder gar Strafen drohen. Es ist auch der einzige Sponsor bei dem Geld fliesst, welches _nicht_ im Reisebudget einkalkuliert wurde und somit fuer uns ein Bonus darstellt!
Moralisch fuehle ich mich selbstverstaendlich den Sponsoren verpflichtet - es waere schlimm wenn dem nicht so waere. Allerdings sehe ich die Verpflichtung voellig stressfrei, denn eines kann ich mit guten Gewissen sagen: Neben den erklaerten Zielen, die wir anvisiert haben, haben ich _jedem_ Sponsor im vorraus realistisch gesagt, wie die Reise tatsaechlich ablaufen und enden kann und dazu gehoerten Saetze wie "Es kann natuerlich sein, das uns das Fahrzeug bereits in Ostanatolien von Terroristen angezuendet wird oder wir fruehzeitig einen Totalschaden erleiden!" Diese Ehrlichkeit und nicht "das blaue vom Himmel versprechen", war meiner Meinung eines meiner Erfolgsfaktoren beim Sponsoring.
Hersteller ueberlegen genau welches Risiko sie eingehen und ich bin mir sicher, dass dies gerade im Materialsponsoring in einem sehr ausgewogenen Verhaeltnis steht. Das wir Materialen im Wert eines mittleren fuenfstelligen Betrags erhalten haben, kann ich allerdings selbst kaum glauben und macht mich genauso stolz. Dazu sei auch gesagt, dass ich wahrscheinlich genausoviele Stunden mit dem Sponsoring verbracht habe, wie mit den restlichen Vorbereitungen und dem Ausbau! Ob das sinnvoll war, ist fragtlich und eher zu verneinen, aber es gab einen einzigen wichtigen Grund dafuer: Es hat mir sauviel Spass gemacht! Und wenn an einen Tag wieder mal gleich mehrere Pakete mit neuen Artikeln zuhause eintrafen, habe ich mich beim Auspacken gefreut wie ein kleines Kind an Weihnachten!
Die Hilfsprojekte, die zugegeben nun sehr wackelig darstehen, waren uebrigens nicht das Zugpferd beim Sponsoring, wie manch einer vermutet. Die Motivation anderen zu Helfen kam allein aus dem Gedanken, dass wir uns dachten, wenn sich zwei "reiche" Deutsche eine solche Reise leisten koennen, waere es doch mehr als sinnvoll damit auch armen Menschen zu helfen und nicht nur seinen persoenlichen Spass zu haben. Das wir uns damit evtl. ueberfordern (noch ist nicht aller Tage Abend), ist schade, aber wir versuchen es! Uns dies Vorzuwerfen, finde ich traurig.
Wir versuchen anderen Menschen zu helfen. Die Idee Biogasanlagen zu bauen wurde schon vor der Reise, nach vielen Telefonaten u.a. mit Profis in Afrika, auf Eis gelegt (ist nicht gestorben, ich bin nach wie vor begeistert davon, doch ist das Thema nicht mehr Bestandteil dieser Reise).
Man sollte sich vor Augen halten, dass wir mit unserem Besteben nur gewinnen koennen: Den Solarkocher und die zusaetlichen fuenf Reflektorbleche, die wir dabei haben, sind von unserem privaten Geld bezahlt (680 Euro) und so lange wir diese nicht sinnvoll einsetzen koennen, werden wir keine Spendengelder dafuer einsetzen. Wird aus dem Vorhaben nichts, war die Aktion eine rein private Fehlinvestion und es geht keinem Mensch auf der Welt dadurch schlechter - ausser uns selbst vielleicht, weil wir unser Ziel nicht erreicht haben.
Uebrigens, den Satz auf der Seite unserer PR-Agentur, dass die Tour der Hilfe anderer diene, kam nicht von uns, stimmt in dieser Form nicht und werde ich aendern lassen. Was die Presse sonst so alles schreibt liegt nicht in unseren Haenden und wurde ja schon diskutiert. Man sollte das locker sehen - nur weil man es in unserem Fall (vielleicht) besser weiss, sind andere Zeitungsartikel bei denen man keine Hintergruende kennt, nicht besser.
Was ich beim ersten Beitrag schon haette schreiben sollen, ist der Hinweis, dass unsere Beziehung trotz Reisekrise super funktionert. Ich moechte sogar behaupten, dass wir endlich wieder Zeit _zusammen_ verbringen und nicht nur miteinander. Noch vor der Reise dachte ich, so einen Trip vom Prinzip her auch alleine schaffen zu koennen, doch mittlerweile muss ich zugeben, dass wir uns so oft perfekt und auch notwendigerweise ergaenzen, dass ich nicht weiss, ob ich es ohne Esther so weit geschafft haette. Hier ist also alles im gruenen Bereich, was unsere weiteren Entscheidungen massgeblich vereinfachen.
Das ich neben eines einmaligen Reiseerlebnis (was es in jedem Fall sein wird) auch noch Gleitschirmfliegen will, mag einem dekadent vorkommen. Fuer mich ist Gleitschirmfliegen nun mal das schoenste Hobby auf Erden! Andere nehmen eine Angel mit, das Mountainbike, eine Gitarre oder moechten einfach in Ruhe schoene Bucher lesen. Bitte jedem das seine.
Und noch ein Tipp, der hier auch schon geaeussert wurde und ich hiermit bestaetigen moechte: Ich denke einer der grossen Fehler, warum sich nicht bereits nach einige Stunden Autobahn "das breite Grinsen im Gesicht breit machte", war mit Sicherheit der unvollstaendige Ausbau, der dazu fuherte in der Tat die ersten Tage im Chaos zu leben - oder es zu versuchen. Den Druck noch weiter im Auto zu basteln und gleichzeitig staendig ueber Sachen zu stolpern ist wahrhaftig ein unterschaetzter, fieser Stimmungskiller. Doch durch unsere zu frueh gekuendige Wohnung hatten wir (kaum) eine andere Wahl - wer sie hat, sollte nicht den gleichen Fehler begehen wie wir.
Doch das Chaos ist beseitigt, der Ausbau beendet (zumindest das Wichtige, der Rest ist mir inzwischen Wurscht), somit ist unser Wohnraum zum perfekten Rueckzugsgebiet geworden, wenn einem die Welt auf den Kopf zu fallen scheint.
An der Stelle passend der Hinweis, dass ich es nicht wirklich bereue einen fuer Manche uebertriebenen Ausbau umgesetzt zu haben. Die Motiviation es "zu uebertreiben" kam aus einem persoenliche Bestreben es einfach wissen zu wollen - wissen zu wollen wie gut (oder schlecht) ich einen Ausbau eines Wohnmobils denn hinbekommen wuerde, trotz das mir hier jegliche Erfahrung fehlte. Ich wollte es niemanden Beweisen, ausser mir selbst. Ich bastele gerne und habe sicherlich keine zwei linken Haende, zumindest bin ich mit dem Ergebnis durchaus zufrieden und bisher funktioniert alles wunderpraechtig, ohne Ausfall. Auch unsere bewusst "vom Standard" und den Erfahrungen abweichenden Konstrukionen, wie die Toilette ohne Wasser, Duschwanne mit nur 1,5cm Rand oder Wasser-Kanister, statt -Tank und Minisitzecke haben sich super bewaehrt - damit habe ich nicht mal selbst gerechnet. Der MegaWatt-Wokherd wurde uebrigens noch vor der Reise an die Eltern zum Grillen im Garten verschenkt...
Was die Vorbereitung und Probetouren betrifft, so hatten die Touren in die Alpen nur zwei Ziele: Testen ob die Raumaufteilung so passt und einfach einen schoenen Urlaub haben - mehr nicht. Und diese Ziele haben wir vollends erreicht.
Weitere Urlaubsreisen in entfernte Laender (ggf per Flugzeug) waren aus Zeit und Geldgruenden nicht moeglich und ausserdem ist es Absicht, gerade in die Laender zu fahren, in denen wir vorher noch nicht waren.
Uebrigens habe ich in der Tat ein grosses Problem mit dem "was waere wenn" Defekt-Gedanken. Doch daran arbeite ich, zumal es dafuer keinen ersichtlichen Grund gibt.
Ich erinnere mich an die Ueberfuehrungsfahrt und die ersten Urlaube mit den 30 Jahre alten Reifen: Jedes mal wenn ich daran dachte, dass mir gleich ein Reifen platzen koennte (auf dem Ligurischen Grenzkam z.B.), dann wurde es mir heiss und kalt, doch sobald ich mit den Gedanken abgelenkt war, fuhr es sich fast wie von selbst.

Ich schmiere nun ordentlich ab, kuemmere mich ums Oel und mache regelmaessig den "Kontrollgang", der Rest ist Schicksal und wird passieren oder nicht.
In einer Antwort war die Rede, dass auch versucht wird nicht zu viel von der Reise zu erwarten. Wir dachten auch, dass unsere Erwartungen nicht gross sind - nennt es Naivitaet, fehlende Selbsterkenntnis oder was auch immer. Bisher ging ich grundsaetzlich mit geringen Erwartungen durchs Leben, um eben nicht so schnell enttaeuscht zu werden und das hat bisher auch sehr gut funktioniert. Ich wuerde mich selbst als frohlichen Menschen beschreiben, der viel Spass an vielen Dingen findet. Von daher nur die Warnung, was man glaubt zu Denken und was es wirklich bedeutet, kann schon mal stark abweichen - in diesem Zusammenhang mit Reiseerwartungen und dessen was einen tatsaechlich erwartet.
Und wenn dies zum Beispiel Dreck und Abfall ist, der an vielen Stellen in der Natur herumliegt oder in Tonnen verbrannt wird, dann ist es das, was ich persoenlich als sehr schmerzhaft empfinde, was mich traurig macht. Das ist doch nicht verwerflich. Nur ob man deshalb eine Reise abbricht, ist natuerlich fraglich und waere sicher nicht der einzige Grund.
Auch nicht das fehlende kulinarisch Erlebnis, denn natuerlich kochen wir uns regelmaessig selbt leckere Speisen, doch wenn es mal wieder an die 40 Grad im LKW sind, wirft man ungern den Gasherd an und wuerde man sich gerne wuenschen auch ausser Haus lecker Essen zu koennen. Dies war leider in den seltensen Faellen moeglich und uns macht es einfach wenig Laune den X-ten Fleischspies angeboten zu bekommen.
Doch damit leben wir nun - fangen an die Lage zu akzeptieren und uns nicht an den uns negativ erscheinenden Erlebnisse festzubeissen. Alles wird gut und die Kirse ist vielleicht bald vorbei - zudem scheint Kirgistan uns so manch kleinen Wunsch erfuellen zu koennen und die Nachfolge-Visa sind zwar auch schon besorgt, aber zeitlich sehr flexibel...
Wenn jedoch unseren Reiseberichten auf der Webseite anscheinlich "der Zauber" fehlt, den man in vielen anderen Berichten lesen kann, dann liegt dies daran, dass wir diesen Zauber eben noch nicht erfahren haben. Das ist m.E. authentisch und legitim. Wer nur Berichte lesen will, die einen sofort aus dem Stuhl katapultieren, weil man auch losfahren will, muss evtl. wo anderes lesen - oder abwarten, vielleicht kommt dies ja spaeter noch

Meine Absicht der Berichte ist nicht das Beschreiben wie wir von A nach B gekommen sind, oder wo es die schlimmsten Schlagloecher gibt; ebenso auch nicht, den Filter aufzusetzen und nur "ahh" und "ohhh" Geschichten zu schreiben, sondern davon zu Berichten, was wir als erwaehnenswert empfinden - und genau das koennt Ihr auf unserer Seite lesen. Das sich hinter der ein oder anderen Beschreibung evtl. noch ein tendenzielle Entwicklung verbirgt, erschliesst sich vielleicht erst durch kontinuierliches Lesen aller Berichte.
Ein Reisebericht erst im nachhinein zu schreiben, hat wahrscheinlich in der Tat den Effekt, dass alles was einem nach einem zeitlichen Abstand noch wichtig erscheint aufgefuehrt wird. Dies werden vornehmlich die schoenen Momente der Reise sein, das liegt in der Natur des Menschen. Doch Frage ich mich ob man sich hier nicht auch beluegt - ein etwas krasser Vergleich, aber wie erzaehlen viele (nicht alle!) Grossvaeter vom Krieg? ... Ich denke es ist wichtig auch die im Augenblick erlebten Gefuehle schriftlich festzuhalten - Positive wie Negative - im Geiste koennen und sollten wir die negativen jedoch schnellstens ziehen lassen.
In diesem Sinne viel Spass mit drei neuen "alten" Berichten, die ich gleich online stelle.
Und nochmals Danke fuer die vielen Tipps und lieben Hinweise, ja sogar die Angebote fuer ein ruhiges Plaetzen auf einem Rueckweg!
Viele liebe Gruesse!!!
Jan + Esther