Moin!
Solarer hat geschrieben: ↑2025-08-20 10:35:07
KI trifft auf gesunden Menschenverstand, Kollision vorprogrammiert
Das, was momentan als KI angeboten wird, ist erst mal nichts weiter, als ein Mustervergleicher.
Man hat vor gut 40 Jahren damit angefangen, künstliche neuronale Netzwerke zu diskutieren, die dem biologischen Gehirn ein Stück weit nachempfunden wurden. Dort gibt es Neuronen, die Eingänge haben und die anhand der Signale an den Eingängen bestimmte Ausgänge aktivieren. Welche Eingangsreize sich durchsetzen, hängt von der Gewichtung der einzelnen Eingänge im Neuron ab. Diese Gewichtung ist änderbar. Man kann jetzt viele Neuronen mit jeweils vielen Eingängen (und variablen Gewichtungen) nebeneinander in einer Ebene aufbauen. Deren Ausgänge kann man dann in einer weiteren Ebene wieder an die Eingänge von Neuronen anschließen, deren Gewichtung ebenfalls variabel ist, hinter dieser zweiten Ebene kann man weitere Ebenen mit Neuronen installieren. Usw.
Entscheidend für eine Erkennung eines bestimmten Musters an den Eingängen ist die hinterlegte Gewichtung der Signale. In der KI-Szene spricht man vom Training, in dem man das neuronale Netzwerk mit Daten füttert, die ein bestimmtes Muster enthalten. Z.B. Zeichnungen, auf denen ein Kreis zu sehen ist. Technisch liegt das Bild als Pixelarray vor. Jedes Pixel wird an eine Eingangsleitung gemeldet. Immer wenn ein Kreis auf dem Array ist, wird das Ergebnis am Ausgang des Netzwerks als "Kreis erkannt" klassifiziert. Durch geschickte Anpassung der Gewichtung der einzelnen Eingangssignale kann man das neuronale Netz so "trainieren", dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit "Kreis erkannt" meldet, sobald sich ein Kreis auf dem Pixelfeld befindet, unabhängig davon, wie groß und wo der Kreis auf dem Bild ist. Diese Mustererkennung hat man schon vor vier Jahrzehnten beherrscht. Mit immer komplexeren neuronalen Netzen kann man entsprechend komplexere Muster automatisch erkennen: Gesichter auf Bildern, Stimmen von Personen, Handschriften usw.
An diesem Grundprinzip der Mustererkennung über künstliche neuronale Netze hat sich bis heute nur wenig geändert. Es gibt inzwischen viele Verfahren, neuronale Netze zu trainieren, auch selbstlernende, damit man nicht mühsam alle Musterklassifikationen händisch trainieren muss. Und es gibt auf verschiedene Eingangssignalarten hin optimierte neuronale Netze: für Texterkennung, Spracherkennung, Bilderkennung, Videoerkennung usw.
Heute kann man einem Sprachmodell wier ChatGPT eine Frage in menschlicher Sprache stellen und dem Modell die Aufgabe beschreiben: "Erstelle mir eine Liste mit gesetzlichen Regelungen für Fahrzeuge 3,5...7,5t in einfacher Sprache auf zwei A4-Seiten gekürzt" Dann macht sich der Algorithmus ans Werk, interpretiert zunächst die Aufgabenstellung mit seiner Texterkennung und greift dann auf seinen Datenbestand zurück, um (aus Sicht des Algorithmus) die bestmöglich passenden Antworten zu liefern. Gute Modelle geben hierbei auch die Quellen für die Informationen an. ChatGPT macht (kann) es nicht immer. Die KI-Zusammenfassung von Googles Suchmaschine dagegen schon. Das ist mMn derzeit auch die nützlichste Anwendung von Sprachmodellen: Informationsrecherche kombiniert mit einer zusammenfassenden Funktion auch über mehrere Quellen hinweg.
Intelligent ist an den gegenwärtigen KI-Systemen wioe ChatGPT nichts. Sie sind "Mustervergleicher auf Speed" wie es Sascha Lobo mal treffend beschrieben hat.
Sprachmodelle können einem zeitraubende Textarbeiten ersparen (z.B. die Zusammenfassung eines langen selbst geschriebenen Textes oder eine Schnellübersicht über eine 100 Seiten lange Facharbeit). Aber sie ersetzen eben nicht das Wissen, ob die im generierten Text transportierte Information überhaupt korrekt ist. Sie sieht erst mal nur hübsch und scheinbar plausibel aus. Das ist momentan auch die größte Gefahr: da der Mensch an sich ein fauler Hund ist, lässt er ChatGPT halt machen. Ohne es zu hinterfragen. Und dabei werden Massen an hübschen aber objektiv sinnlosen Texten produziert, die dann wiederum im Netz verfügbar sind, was wiederum dazu führt, dass die nächsten KI-Modelle, die ihre Informationen überwiegend aus Webseiten beziehen, sich mit diesem Bullshit trainieren. Letzten Endes kann das zu einer Form von "KI-Demenz" führen, einer Verschlackung der künstlichen Neuronen mit weitgehend idiotischem Inhalt.
Grüsse
Tom