Lagebericht Ecuador

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Enzo
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Re: Lagebericht Ecuador

#421 Beitrag von Enzo » 2026-08-18 15:41:06

Moin,
wir haben Sommer also Trockenzeit. Normalerweise beste Bedingungen um die Gletscher der Vulkane zu besichtigen. Man muss nur hoch genug turnen, unterhalb von 5000m gibt es am Äquator dauerhaft kein Schnee und Eis. Gestern fuhr ich mit einem Freund und seiner Nichte zu einem, nicht weit entfernten Vulkan. Morgens um 6.00 war die Welt noch in Ordnung. Als wir den Nationalpark erreichten begann leichter Regen. Beim Refugium auf knapp 4600m wurde es richtig ungemütlich, nun kam noch Wind dazu. Jetzt kam der unangenehme Teil des Ausfluges. Es geht nur noch zu Fuss weiter, recht steil hinauf. Ich hätte mich ja mit der Lagune auf 4800m zufrieden gegeben, aber nein, meine Begleiter wollten zum Gletscher. Also noch höher turnen. Der Wind wurde immer stärker aber zumindest ging der Regen in Schnee und Eisgriesel über. Machte es aber auch nicht viel besser. Schon lange her, dass ich mir dermaßen den Arsch abgefroren habe. Nun verstehe ich auch, warum in Ecuador jedes Jahr Menschen in den Hochlagen der Vulkanberge versterben. Ein plötzlicher Wetterumschwung und schon beginnt das Drama.
Ich war lange nicht auf so großer Höhe, war aber positiv überrascht, dass ich kaum Probleme mit der dünnen Luft hatte. Trotz zunehmenden Alters und der vielen Zigaretten. Da scheint sich das 11 jährige Trainingslager auf rund 2500m Höhe auszuzahlen. :joke: Aber einen Gipfelsturm über die Schnee und Eisfelder rauf auf 5700m erspare ich mir.
Abends um 19.00 trudelte ich wieder zu Hause ein. Müde, durchfroren und durchnässt. Spaß hat's trotzdem gemacht. Am nächsten Tag schien wieder die Sonne, super. Zumindest konnte ich mein Zeugs trocknen.
Aber eines ist klar, der nächste Ausflug führt mich in tropische Gefilde :D

Gruß Jens
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Enzo
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Re: Lagebericht Ecuador

#422 Beitrag von Enzo » 2026-09-06 19:27:33

Moin,

El Niño rückt immer stärker in den Blickpunkt. Ecuador hat die Alarmstufe rot ausgerufen. Es müssen die Notfallprotokolle aktiviert werden. Die Regierung stellt 650 Mio Dollar für vorbeugende Arbeiten und Notfallhilfe zur Verfügung. Das Land besitzt reichlich Erfahrung und eine genaue Datenlage der El Niño Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte. Die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El Niño wurde auf über 90% heraufgestuft. Die jetzigen Messungen des Forschungsschiffes und der Messtationen ähneln dem El Niño 1997/98. Die bisher schlimmste Klimakatastrophe Ecuadors. Der Pazifik hat sich um 4 Grad erwärmt und der Meeresspiegel ist in den vergangenen Monaten um 40cm angestiegen, steigt weiter. 1997 waren es 45cm. Im November setzt die Regenzeit an der Küste ein. Wärmerer Pazifik, mehr Regen, Flüsse steigen an und der höhere Meeresspiegel drückt in die Flussmündungen. Erdrutsche in den Andenabhängen und Land unter an der Küste. Zur Zeit sind die Gemeinden verpflichtet, Entwässerungskanäle zu reinigen oder reparieren. Evakuierungspläne ausarbeiten und die ausgewiesenen Notfallunterkünfte herzurichten. Auf dem Papier sind es 360.000 Plätze. Sich darauf vorbereiten, dass Schulen und Krankenhäuser über längere Zeit überflutet werden. Manch Landkreise müssen sich irgendwie darauf vorbereiten, dass sie zu 60-70% unter Wasser stehen. Nicht nur Gebäude sondern auch die wichtigen Bananen-Kakaoplantagen, Garnelenfarmen und Reisfelder. Rund 1,2 Mio Menschen und 3,1 Mio Hektar landwirtschaftliche Flächen sind direkt bedroht.
Hoffentlich kommt es nicht so schlimm, wie von manchen befürchtet. Jeder El Niño ist anders, obwohl sich die Messdaten ähneln. Aber schon die jetzige Meeresspiegelerhöhung sorgt bei Flut für erhebliche Schäden und Probleme. Wir werden davon kaum etwas mitbekommen. Wir haben in den Anden ein ganz eigenes Klima. Ab Oktober/November beginnt die Trockenzeit im östlichen Tiefland und bei El Niño fällt sie länger und trockener aus. Also schwächelt wieder einmal Wasserkraft oder wird zum Totalausfall. Zur Zeit werden die Übertragungsleitungen und Umspannwerke erweitert und modernisiert. Die Verluste im Netz sind überdurchschnittlich gross. Nach dem Präsidentenwechsel in Kolumbien ist die diplomatische Eiszeit beider Länder beendet und die kolumbianischen Stromerzeuger dürfen wieder Strom nach Ecuador verkaufen. Teurer Strom aus fossilen Kraftwerken. Aber die Übertragungsleitung nach Kolumbien ist eh begrenzt. Die grössten Stromverbraucher Ecuadors (Bergbau, Zement/Stahlindustrie) hatten 1,5 Jahre Zeit eine eigene Stromversorgung zu installieren. Ab Ende des Jahres werden sie bei Strommangel zuerst vom Netz genommen. Aber auch andere finanzstarke Unternehmen fangen an zu investieren um die eigene Energiesicherheit zu gewährleisten. Kleinere Wasserkraftwerke, Dieselgeneratoren oder Solarparks auf dem eigenen Gelände. Da wurden dieses Jahr von grösseren Firmen schon Anlagen von bis zu 9 MW errichtet um den Strombedarf des Unternehmens zu decken. Staatliche Subventionen und Einspeisevergütungen gibt es nicht. Es sei denn, die Regierung ruft den Stromnotstand aus. Damit lässt sich die ecuadorianische Verfassung umgehen, nach der die Stromerzeugung eine hoheitliche staatliche Angelegenheit ist. Eine Verfassungsänderung wurde bei der letzten Volksabstimmung abgelehnt. Strom, insbesondere günstiger Strom, ist und bleibt ein ständiges Thema. :D Wird nur übertroffen von den gestiegen Spritpreisen. 3,25/ Gallone belastet die Privathaushalte und die Transportwirtschaft ganz gewaltig. Die Fahrpreise in Ecuador wurden um 25% erhöht. Ohne die wieder eingeführten staatliche Subventionen läge der Preis bei über 4 US Dollar. Dann gäbe es hier ein Aufstand, den keine Regierung überleben würde.
Allerdings profitiert Ecuador als Ölexporteur ganz kräftig von den gestiegen Rohölpreisen. Da freut sich der Finanzminister, der mit 50 Dollar/Barrel kalkuliert hat.
Der Regierungswechsel in Kolumbien war ein wichtiges Ereignis, da der neue Präsident angekündigt hat, die 660 km lange Grenze zu Ecuador wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen. Keine Friedenspolitik, keine Gespräche mehr mit Terroristen, nur noch militärische Antworten. Bisher konnten sich die kolumbianischen Paramilitärs ungehindert in den kolumbianischen Grenzprovinzen ausbreiten und hatten einen enormen Zulauf in den letzten Jahren. Das ecuadorianische Militär hat alle Hände voll zu tun, um zu verhindern, dass diese Gruppierungen sich in Ecuador dauerhaft breit machen.
Zur Zeit, und dies ist eine ganz neue Entwicklung, wird das ecuadorianische Militär im Grenzgebiet zu Kolumbien aktiv durch US Soldaten unterstützt. Die Kapazitäten Ecuadors sind beschränkt und das hiesige Miliär unterstüzt zudem die Polizei im ganzen Land. Da ist jede Hilfe willkommen, natürlich auch die gelieferte technische Ausrüstung. Die Anwesenheit fremder Soldaten auf ecuadorianischen Staatsgebiet wurde möglich durch eine Verfassungsänderung. Dieser Punkt bekam bei dem notwendigen Volksentscheid eine grosse Mehrheit. Diese Tage gab es ein Treffen der Verteidigungsminister/Miliärs von Ecuador und Kolumbien sowie dem Kommandeur des amerikanischen Südkomandos. Es wurden gemeinsame Militäroperationen dieser 3 Länder im Grenzgebiet angekündigt. So etwas gab es bisher nicht. Kolumbien hatte sich, wie auch Mexico und Brasilien, geweigert der amerikanischen Initiative "Shield of America" (gemeinsamer Kampf gegen die internationale Narco Kriminalität) anzuschließen. Nachdem sich die politische Landkarte nach den letzten Präsidentschaftswahlen in vielen Ländern völlig verändert hat, sind von Guatemala über Costa Rica runter nach Chile fast alle lateinamerikanischen Länder dabei.
Für Reisende bleibt Ecuador ein interessantes und sicheres Reiseland mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Und auch wir leben hier genauso sicher wie anderswo. Wir machen ab und an unsere kleinen Ausflüge mit dem Bus. Mich zieht es in östliche Tiefland meine Frau eher an die äusserste nördliche Küste. Auf Grund der Reisewarnungen diverser Länder findet dort kein internationaler Tourismus statt und Ecuadorianer wollen eher Ballermann. Also gehts dort beschaulicher und ruhiger zu. Da eh immer jemand wegen des Hundes zu Hause sein muss, reisen wir getrennt und die unterschiedlichen Interessen sind kein Problem.
Es sind nette neue Leute in Cotacachi. Wir haben nun eine argentinische Nachbarin und sowohl ein deutsches als auch australisches Pärchen sind in die Nähe zugezogen. Irgendwie scheinen die Australier im Moment auf dem Vormarsch zu sein. Alle zwei Wochen treffen wir uns in einer bunten Runde zum heiteren Kultur und Erfahrungsaustausch. Latinos aus verschiedenen Ländern, Europäer, Kanadier und Australier .....aber die gemeinsame Umgangssprache ist Spanisch. Kleiner Gegenpol zu der großen US amerikanischen Kolonie. Dort wird ausschließlich Englisch gesprochen.
Unser recht junges Stadtviertel wächst weiter, es sind eine ganze Reihe von Einfamilienhäusern im Bau. Die Grundstückspreise sind enorm gestiegen. Wir haben 2019 für ein Stück Acker 35$/m2 bezahlt, das war schon oberhalb unserer Schmerzgrenze. Nun werden 90 Dollar verlangt. Völlig verrückt. Zwischenzeitlich wurde von der Stadt die Mindestgrösse zur Bebauung von 1000m2 auf 400m2 runter gesetzt.
Zweimal im Jahr findet eine Zusammenkunft der Bewohner unseres Barrios statt. Da wird dann unser Vorstand bestätigt oder neu gewählt und Themen besprochen, die uns wichtig sind. Unser Präsident ist dann unsere Interessensvertretung der Stadt gegenüber. Zun Glück haben wir im Viertel drei US amerikanische Mitbürger mit lateinamerikanischen Wurzeln. Die sind zweisprachig aufgewachsen und können bei den Versammlungen übersetzen. Wir sind das flächenmäßig grösste Barrio in Cotacachi aber mit den wenigsten Bewohnern. Da hat der Bürgermeister wenig Interesse bei uns viel Geld zu investieren. Zu wenig Wähler, bei denen er sich beliebt machen kann. Also muss man ihn nerven :D
Nun hoffen wir, dass unsere Trockenzeit planmäßig im September zu Ende geht. Paar nächtliche kräftige Regenfälle wären willkommen. Die ersten Wolken waren schon da, hat aber nur für paar Tropfen gereicht.

Gruß Jens

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rainerausbochum
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Re: Lagebericht Ecuador

#423 Beitrag von rainerausbochum » 2026-09-06 21:43:21

Moin Jens
Danke für Deine interessanten Berichte,die man so ja nie lesen würde,so sind wir doch immer ein bisschen in dem kleinem Land!
Gruß,Rainer
Signatur find ich blöd!

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Der Initiator
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Re: Lagebericht Ecuador

#424 Beitrag von Der Initiator » 2026-09-06 22:01:40

Dank auch von mir.
HErr, wirf Ingoliste vom Himmel 😡

ellwood25
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Re: Lagebericht Ecuador

#425 Beitrag von ellwood25 » 2026-09-07 9:57:04

Hallo Jens,

vielen Dank auch von mir. immer wieder spannend deine Berichte zu lesen. Ich finde es beeindruckend wie sachlich und präzise du die Lage beschreibst und dich von jedweder (politischen) Bewertung fernhältst.

Viele Grüße in eines meiner Sehnsuchtsländer,
Florian
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rennmaus
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Re: Lagebericht Ecuador

#426 Beitrag von rennmaus » 2026-09-07 11:11:36

Hallo Jens,
auch von mir DANKE!
WIr haben eine Freundin aus Ecuador, aktuell in Spanien, aber egal.
UND: Ich habe vor knapp 50 Jahren mal eine Studienarbeit zu einer Talsperre Poza Honda, bei oder nahe Guayaquil gemacht.
Ob es so eine gibt? Du musst sie nicht suchen! Wäre wenn, dann mein Job und DANN käme ich sicher auch vorbei.
Aber keine Angst - das wird in dem Leben nix mehr.
Soweit danke, Dir/Euch alles Gute und ich freue mich auf den nächsten Bericht.
Grüße von Martina und Harald aus Kendenich am Dom
---
rennmaus ist der alte Name vom A2, die "Kleine grüne Schnecke" (MB 609D) rennt weniger, sieht dafür mehr durch die große Scheibe.
Zwillingsreifen ist 4-Wheel, mehr hier: https://freiinderwelt.home.blog/
geklaut und ergänzt: "außerhalb der Eisdiele ist die Natur der Star, nicht die Karre"

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Enzo
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Re: Lagebericht Ecuador

#427 Beitrag von Enzo » 2026-09-08 0:25:34

rennmaus hat geschrieben:
2026-09-07 11:11:36
Aber keine Angst - das wird in dem Leben nix mehr.
Da habe ich keine Angst. Wir hatten viel Besuch aus dem Forum und es waren immer sehr angenehme Tage.
Und ja, die Talsperre gibt es noch. Scheint sich zu einem Natur und Naherholungsgebiet entwickelt zu haben. Selber kenne ich sie nicht.

Gruss Jens

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