Dimensionierung der Bergeausrüstung???

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Zentralgestirn
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Re: Dimensionierung der Bergeausrüstung???

#61 Beitrag von Zentralgestirn » 2017-12-25 23:08:01

Ich sag ja nichts gegen eine AHK wie die z.B.

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maxd
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Dimensionierung der Bergeausrüstung???

#62 Beitrag von maxd » 2017-12-26 23:11:20

steyermeier hat geschrieben: Mit kinetischen Seilen sieht das anders aus. Damit kann mann fast beliebig viel Schafen anrichten.
Was ist denn da das Problem? Ich dachte immer, die sein Material schonender.

—max

Kilian
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Re: Dimensionierung der Bergeausrüstung???

#63 Beitrag von Kilian » 2017-12-26 23:40:48

Bei korrektem Einsatz mit Ruhe und Hirn ist das auch so. Wenn man allerdings nicht weiss, was man tut und z.B. in der Hitze des Gefechts mit Stahlschäkel an einem ablegereifen, unterdimensionierten Gurt verlängert, wird es schnell lebensgefährlich. Ist halt ein Katapult mit mehreren Tonnen Vorladung...

Freundliche Grüße
Kilian
(mit weit über 100 erfolgreich und ausnahmslos schadenfrei durchgeführten kinetischen Bergungen)

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Re: Dimensionierung der Bergeausrüstung???

#64 Beitrag von orangina » 2017-12-27 16:44:54

Hallo Kilian,

mit welchem kinetischen Seil/Gurt hast du denn die Bergungen durchgeführt? Und in welcher Gewichtsklasse waren sie? Bin auch gerade in der Entscheidungsphase welechen kinetischen Gurt/seil ich mir für meine 8,5t anschaffe...

Grüße,
Markus
Kilian hat geschrieben:...

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Kilian
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Re: Dimensionierung der Bergeausrüstung???

#65 Beitrag von Kilian » 2017-12-28 12:53:09

In der Geländewagen-Klasse mit dem in der Offroad-Szene sehr beliebten weißen, groben Seil von Paddock-Spares. 9m, 8t Bruchlast. Damit habe ich im Laufe der Jahre mit einem 2,5-3t Offroader aber auch schon 5t Wohnmobile und 7,5t-LKW aus Weichsandfeldern/Dünen geborgen. Ich habe mir vor vielen Jahren große Softschäkel (16t Bruchlast) dazu gemacht, dann kann man auch mal mit einem starren Gurt verlängern.

Und wenn man absehen kann, dass man mehr Kraft braucht, hängt bei ca. 1/3 und 2/3 des Seils eine kleine Tasche/Sack aus Segeltuch mit Sand gefüllt! Das würde im Falle eines Seilrisses, oder Abbrechens z.B. der Bergeöse am anderen Fahrzeug sehr sicher dazu führen, dass entsprechende Teile direkt im Boden einschlagen.

Tatsächlich reicht bei einem kinetischen Seil eine bei weitem niedrigere Bruchlast als bei einem starren Seil. Begründung: Zunächst mal muss man sich klar machen, dass man ohne Schwung nur einen Bruchteil des Eigengewichtes an Zugkraft aufbringen kann. Beim Geländewagen vielleicht einige hundert Kg. Selbst auf trockenem Teer wohl unter 1t.

(Gedankenexperiment dazu: Du stehst mit einem Geländewagen auf dem obersten Parkdeck eines Parkhauses an dessen stabilen Außengeländer eine Umlenkrolle befestigt ist. Von Deinem Fahrzeug führt ein Seil über diese Umlenkrolle an der Wand des Parkhauses runter zu einem PKW. Könntest Du nun einfach durch langsames rückwärtsfahren den PKW hochziehen?! -> Bei Weitem nicht!)

D.h. immer dann, wenn man jemand anders rausziehen will (nicht nur von der nassen Wiese rangieren, sondern wirklich aus dem Schlammloch oder der Düne raus), braucht es i.d.R. mehr Kraft bzw. Schwung. Wenn ich nun mit 3km/h in ein Stahlseil reinfahre, werden für den Bruchteil einer Sekunde die Kräfte extrem groß. Im Prinzip als ob ich mit einem 500Kg-Hammer auf meine Bergeöse kloppe. Die Energie wird mit einer extremen Kraftspitze in die Schäkel, den Rahmen und sämtliches Material eingeleitet. Sekundenbruchteile danach sind beide Fahrzeuge gleich schnell (oder eher langsam - nämlich fast Stillstand) und Vortrieb kommt nur noch im oben beschriebenen Bereich einiger hundert Kg Zuglast, die die durchdrehenden Reifen im Weichsand erzeugen können.

Wie ist das nun beim Kinetik-Seil? Nehmen wir an, das die Kraftspitze oben 6t (für Sekundenbruchteile) war. Nehmen wir weiter an, dass sich ein gegebenes kinetisches 10m-Seil bei 2t Zugkraft um 20% längt. Wenn ich hier nun mit 10km/h hineinfahre, pumpe ich über einen Weg von 2m - oder z.B. 1 Sekunde lang - unentwegt meine Bewegungsenergie in das Seil. Der Kraftaufbau in der Bergeöse des festsitzenden Fahrzeuges erfolgt langsam und gleichmässig bis 2t, bis sich das Fahrzeug anfängt, in Bewegung zu setzen. Nun entscheident: Der Zug bleibt aufrecht erhalten, unentwegt mit den 2t, und das zu bergende Fahrzeug kann erstmal etwas Geschwindigkeit aufbauen auf seinem Weg hinter dem Berger her. Langsam gleichen sich die Geschwindigkeiten an und erst nach 1-2m (der Berger bewegt sich ja auch noch vorwärts) sind diese gleich.

Ich habe viele Jahre starres Material verwendet und nochmal mindestens die gleiche Anzahl Bergungen damit gemacht. Inzwischen nehme ich wo immer möglich das kinetische Seil, weil die Bergungen so viel sanfter sind und das Material viel weniger belastet wird. Es ist mir schon passiert, dass ich beim Ziehen zum Stillstand kam und dachte "Na, das war wohl nichts" und dann 1Sek. später im Rückspiegel sehe, wie der andere mit einem "Schmaaaatz" aus seinem Moorloch rauskommt - einfach nur aus der gespeicherten Energie im "Gummiband".

Abschließend möchte ich aber nochmal eindringlich auf die korrekte Handhabung hinweisen. Das ist ein Katapult! Wer (wie leider oft zu beobachten) an fragwürdigen Befestigungspunkten am Fahrzeug kinetische Seile - mit 800gr-Stahlschäkeln und starren Seilen verlängert - anschlägt und dann, ohne Beschwerung auf dem Seil unter den neugierigen Blicken der 2m daneben stehenden Zuschauer mit Schwung da rein fährt, der hängt offensichtlich nicht sehr an seiner oder der Gesundheit der Umstehenden. Es gibt auf Youtube lehrreiche Videos, wie so ein Schäkel durch die Heck- UND, genau zwischen den vorderen Kopfstützen hindurch, Frontscheibe eines Fahrzeugs katapultiert wird. :ninja:
Freundliche Grüße
Kilian

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